Die FAZ und ich: Ein wehmütiger Abschrieb

Dass “in vielen Punkten” ein Plagiatsversuch vorläge, diese Ansicht könne er nicht teilen, schrieb mir Peter Lückemeier, Ressortleiter Rhein-Main der FAZ. Okay, “viele” Parallelen zu meinem Text sind es nicht. Aber doch einige. Die Frankfurter selbst mögen es in Ordnung finden, wenn die eigenen Mitarbeiter so arbeiten – ich nicht.

Doch alles der Reihe nach. Am 27. April erschien mein Text “Turmbewohner erinnern sich: ‘Ein wehmütiger Abschied’” auf “Umbruch in Dieburg – das Abrissblog”. Bei Letzterem handelt es sich um ein Projekt unseres Studiengangs, zu finden auf Echo-Online. Ein Semester lang beleuchteten wir den Abriss der ehemaligen Studentenwohnheime in Dieburg. Der genannte Artikel ist ein Portrait über Wolfgang Ottenbacher, der zu den ersten Studenten gehörte, die im Wohnheim ein Zimmer bezogen.

Rund einen Monat später, nämlich am 25. Mai, veröffentlichte die Frankfurter Allgemeine Zeitung einen Text über eben diesen Wolfgang Ottenbacher und seine Gedanken zum Abriss. Zunächst freute ich mich: Wohlmöglich verfolgte die FAZ auch unser Blog und war durch uns auf die Geschichte gestoßen?

Doch beim Lesen folgte die Ernüchterung. Allein die Überschrift: “Abriss mit Wehmut” steht über dem FAZ-Text. Sicher, als Ottenbacher an seine jungen Jahre zurückdachte lag einiges an Wehmut in seiner Stimme. Jedoch kommen die Wörter Wehmut oder wehmütig nicht ein einziges Mal im FAZ-Artikel vor. Sehr wohl aber in meiner Überschrift, was mich erstmals vermuten ließ, dass mein Text zur Inspiration gedient hat.

Vergleicht man den ersten Absatz beider Texte, fallen weitere Parallelen auf. Bei mir “schießt” Ottenbachers ehemalige Zimmernummer aus ihm heraus, “als sei es gestern gewesen”. In der FAZ weiß er sie “mehr als 40 Jahre später (…) ohne zu überlegen”.

Genau wie ich, beschreibt Autor Janek Rauhe daraufhin, wie die Wohnheime damals ausgesehen haben. Zum Vergleich: Ich wählte die Formulierung “Haus 7 war lediglich ein Gerüst, von den Häusern 5 und 6 gab es noch nicht viel zu sehen”. Rauhe schreibt hingegen “Die Wohnheime 5 und 6 wurden noch errichtet, in Haus 7 fehlte die Inneneinrichtung.” Hauptsatz, Komma, Hauptsatz. Dass sich der Inhalt ähnelt, ist klar, wenn man ein Portrait über dieselbe Person im Hinblick auf dasselbe Thema schreibt. Aber muss man gleich dieselben Satzkonstruktionen verwenden?

Größtenteils sind die Texte im Folgenden sehr unterschiedlich. Dies liegt vor allem daran, dass Rauhe viele Hintergrundinformationen über den Abriss und die Geschichte des Campus eingebaut hat, die wir auf unserem Blog vorausgesetzt haben beziehungsweise an anderer Stelle liefern.

Doch dann kommt der Schluss – und der hat es noch einmal in sich. Vegleicht man die jeweils drei letzten Sätze, erhärtet sich der Verdacht, dass der FAZ mein Text ganz gut gefallen haben muss. Bei mir endet das Ganze mit den Worten:

Auch, als die Investoren das Gebäude im Februar für eine letzte Begehung noch einmal öffneten, wollte Ottenbacher nicht dabei sein. „Das wäre zu traurig gewesen“, sagt er. Sein Sohn Thomas ging jedoch hin und überraschte seinen Vater mit dessen ehemaligem Zimmerschild.

In der FAZ steht es folgendermaßen:

Den Abriss von Haus 8 will sich Ottenbacher anschauen, auch wenn er bei der letzten Begehung im Februar nicht dabei sein wollte. „Das hätte nur weh getan.“ Damals ging sein Sohn hin und brachte ein Erinnerungsstück mit: das Zimmerschild mit der Nummer 86-12.

Natürlich kann ich nicht beweisen, dass mein Artikel als Inspirationsquelle gedient hat. Doch von Wolfgang Ottenbacher selbst weiß ich, dass der FAZ-Mitarbeiter schon kurze Zeit nach Erscheinen meines Textes bei ihm war. Das Thema hätte man jedoch schon Monate vorher bringen können.

Und nicht falsch verstehen: Dass die FAZ auch ein Portrait über Ottenbacher geschrieben hat, stört mich überhaupt nicht. Was ich nicht begreife, ist jedoch: Wenn man schon durch einen Artikel auf ein Thema stößt, sollte man dann nicht alles daran setzen, einen völlig anderen Artikel zu schreiben? Vor allem, wenn man für die FAZ arbeitet. Und vor allem, wenn der Artikel bei der direkten Konkurrenz erschienen ist. Dem Darmstädter Echo ist dies übrigens gelungen.

Ich finde, dass die Ähnlichkeiten zu offensichtlich sind, als dass man sie so unbekümmert abtun könnte, wie es von Seiten der FAZ geschehen ist. Immerhin: Falls ich mich jemals bei der FAZ bewerben sollte – was ich mir momentan nur schwer vorstellen kann – brauche ich keine Arbeitsproben mitschicken. Mit meinen Artikeln hat man sich dort ja schon ausgiebig auseinandergesetzt.

Foto: Chez Eskay / flickr

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19 Gedanken zu “Die FAZ und ich: Ein wehmütiger Abschrieb

  1. Eine Frage: Wie hältst du es mit den Bildrechten der Fotos, die du auf deinem Blog verwendest? Woher stammen sie und wer sichert dir die Rechte zu?

    • Ich benutze natürlich keine Fotos, an denen ich die Rechte nicht habe. Alle stammen entweder von mir oder sind irgendwo unter CC-Lizenz veröffentlicht worden. In der Regel bedeutet das, dass man sie weiterverwenden darf, so lange man den Namen des Fotografen nennt. Fast alle Fotos auf meinem Blog sind von flickr.

  2. So sehen sie also aus, die 15 Minuten Ruhm des Manuel Schubert. Herr Kollege, natürlich hat Ihr Artikel die FAZ “inspiriert”! Was denn sonst? Meinen Sie tatsächlich, die finden immer nur Themen, die sonst keiner findet? Wie blauäugig, wie naiv. Und dann benutzen die bösen Buben von der FAZ auch noch Wörter, die Sie auch benutzen! Unverschämtheit. Und dann auch noch diese Punkte und Kommas, die bei Ihnen ebenfalls vorkommen. Punkte-und-Komma-Plagiatoren sind das, diese bösen Buben bei der FAZ. Folgender Vorschlag: Werden Sie Fotograf, da haben Sie in Zukunft die Gewissheit, dass Sie Fotos von Dingen machen, die sonst kein anderer sieht (Ironie jetzt aus). Ein schönes Journalistenleben noch…

  3. Beachten Sie, dass (insbesondere) bei CC-lizensierten Bildern ein Hinweis auf die genaue Lizenz und eine Verlinkung obligatorisch sind.

  4. oha. da nimmt sich aber einer sehr wichtig und kommt mit einer mäßig überzeugenden verschwörungstheorie. nehmen wir mal an – und das halte ich für wahrscheinlich -, der faz-reporter hat ihren artikel gelesen. dann muss er das noch niemandem erzählen. das entscheidende ist doch, ob er den portraitierten aufgesucht hat. sie schreiben doch selbst, wolfgang ottenbacher habe den besuch bestätigt. und was soll ottenbacher denn in einem faz-interview machen? sich plötzlich lauter neue sachverhalte ausdenken? der abriss hat ihm gar nicht weh getan? sein sohn hat das schild nicht mitgebracht?
    nur damit das nicht so ähnlich, wie in ihrem blogeintrag klingt?
    man sollte die kirche mal im dorf lassen.

    • Natürlich hat Herr Ottenbacher das gleiche erzählt. Aber man kann doch trotzdem den Text anders aufziehen und zum Beispiel einen anderen Einstieg oder einen anderen Schluss wählen. Hätte ich zumindest von der FAZ erwartet.

  5. Sorry, aber das mit dem Plagiatsversuch halte ich für abwegig. Sicherlich mag der Autor den Blogeintrag gekannt haben und er hat sich wohl auch davon inspirieren lassen. Das ist aber vollkommen legitim. Es gibt nun mal kein Urheberrecht auf ein Thema – und auch nicht auf die Satzkonstruktion “Hauptsatz, Komma, Hauptsatz”. Auch das Wort Wehmut ist bei so einem Thema nicht gerade einzigartig originell. Bei so einer schwachen Begründung hätte ich als Ressortleiter auch nur die Augen verdreht.

  6. Die meisten Kommentatoren hier verstehen wohl nicht ganz richtig. Wenn M. Schubert urheberrechtliche Ansprüche zu haben glaubte, hätte er sich wohl nicht in seinem Blog gewundert, sondern einen Anwalt beauftragt. P. Lückemeier hat bestritten, dass ein Plagiat vorliegt. Und damit hat er – urheberrechtlich gesehen – Recht. Der Begriff Plagiat ist, wie inzwischen bekannt sein sollte, schwammig und mehrdeutig.
    Um auf den eigentlichen Kern dieses Artikels zu sprechen zu kommen: “Wenn man schon durch einen Artikel auf ein Thema stößt, sollte man dann nicht alles daran setzen, einen völlig anderen Artikel zu schreiben?”
    Nein, das finde ich nicht. Wir leben in einer Zitat- und Mashup-Kultur, und das schon immer, seit Menschen Geschichten erzählen. Unrechtmäßige Übernahmen (=Plagiate) gibt es überhaupt nur, wo Normen existieren, die Übernahmen verbieten. Im Journalismus gilt das (anders als bei Doktorarbeiten) nur im Rahmen des Urheberrechts. Es gibt kein Originalitätsgebot im Journalismus. Auch Qualitätsjournalismus bekommt Qualität nicht aus Originalität, sondern aus Wahrheit und Verständlichkeit = Informativität.
    Aber Verlage verbreiten derzeit mal wieder die Ideologie, Zeitungsmeldungen seien große künstlerische Leistungen. Sie seien urheberrechtlich zu schützen. Und zudem seien Verleger große Mäzene von Kunst und daher leistungsschutzrechtlich zu subventionieren.
    Insofern ist die Irritation von M. Schubert über einen alltäglichen Vorgang dem Zeitgeist, der herrschenden Lehre, geschuldet. Dass gerade die FAZ Opfer seiner Irritation ist, ergibt sich daraus, dass sie mehr als alle anderen Zeitungen ihre Hochschätzung des Wertes Originalität hervorkehrt. In ihrer Redaktion lebt der bürgerliche Geniekult fort, der den Autor zum Künstler und den Künstler zum “Schöpfer” von “Werken” erhebt. Darauf stehen die FAZ-Leser.
    Daher wettert die FAZ immer gegen allerlei “Plagiate”, auch wenn’s journalistischer Alltag ist.

  7. Quelle: Internet. Der fehlende Hyperlink holt die FAZ wieder ein. Im Jahre 1999 stand auf faz.de als Argument auf Grund fehlender tagesaktueller Nachrichtenpräsenz im WWW: “Wir verlesen das Radio auch nicht Rad”. German Angst par excellance.

  8. Kann mich den Vorschreibern nur anschließen, das ist kein Plagiat/Abschrieb und – trotz evtl. subjektiver Enttäuschung – nicht der Rede wert.

  9. Sich inspirieren zu lassen sieht in meinen Augen anders aus.
    Der Verfasser hier sieht die Sache schon ganz richtig.

  10. Wenn man so will, kopiert die “Tagesschau” auch die “heute” Sendung. Einfach weil eine Sendung um 20Uhr beginnt und die andere um schon eine Stunde früher. Das ist die Logik des Manuel Schubert, aber eben nicht die der anderen Leser seines Blogs. Vielleicht sollte man manchmal auch Mehrheitsmeinungen als richtig hinnehmen und die Größe haben sich bei Lückemeier, Rauhe und dem Rest hier zu entschuldigen.
    Argumentieren ohne Argumente zu haben ist immer schwierig und ich konnte keine Argumente die auf ein Abschreiben hindeuten feststellen.

    • Einmal abgesehen davon dass es unmöglich ist Text- oder Bildbeiträge innerhalb einer Stunde sendefertig zu kopieren wäre es mir neu, dass ganze Textpassagen nur geringfügig geändert für andere Sendungen übernommen werden.

      Mehrheitsmeinungen beruhen meistens darauf dass es weit mehr dumme als intelligente Menschen gibt. Für Entschuldigungen gibt es zweifellos Gründe aber ganz bestimmt nicht für Manuel Schubert, der sich übrigens sehr humorvoll mit diesem Diebstahl auseinandersetzt.

  11. Wer schon mal Opfer echter Abschreiber war, wird hier nur müde mit den Schultern zucken. Zur Entlastung des vermeintlichen Plagiators – der selbst noch am Anfang seiner Karriere steht –könnte man anführen, dass es immer ein undankbarer Job ist, eine Story zu erzählen, die schon ein anderer geschrieben hat. Der Protagonist erzählt natürlich dem nächsten Journalisten nicht nur die gleiche Geschichte; er weiß ja nun, wie die Presse es gerne hat, und erzählt unbewusst die bereits über ihn geschriebene Geschichte nach. Allerdings ist auch klar: Wer keine eigenständige Dramaturgie entwickelt, macht keinen guten Job.

    Sehr verständlich ist aber, dass Manuel Schubert gekränkt ist: Die FAZ hätte genauso gut IHN beauftragen können, das wäre eine schöne Zweitvermarktung gewesen. Ich hätte da eine Idee, wie unser Berufsnachwuchs Kollegialität und Solidarität üben könnte: Wenn man weiß, dass ein Kollege die Story schon im Kasten hat und sich freuen würde, sie erneut verkaufen zu können, sollte man ihm das Geschäft überlassen. Sich bei Aufträgen, die weder Ruhm noch viel Geld bringen, Konkurrenz zu machen, zahlt sich nicht aus, es macht vor allem viel Arbeit und hält die Honorare niedrig. Wenn Ihr Euren Marktwert steigern wollt, lernt “nein” zu sagen.

  12. Noch mal zum Thema Fotos (zu dem anderen hab ich mich ja schon in der Hochschule direkt geäußert): flickr-Bilder unterliegen nicht per see einer CC-Lizenz… Ich bin da auch und stelle meine Fotos zB nicht grundsätzlich allen, die wollen, zur Verfügung.

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